Ausstellungen
Barcelona
Pavillon. Mies van der Rohe und Kolbe. Architektur und Plastik
27. August - 29. Oktober 2006
Der Barcelona-Pavillon gilt als eines der Hauptwerke Mies van der Rohes und der modernen Baugeschichte überhaupt. In den zahlreichen Veröffentlichungen über dieses Bauwerk scheinen alle Aspekte berücksichtigt zu sein. Wenig Beachtung fand bislang jedoch die Skulptur »Morgen« von Georg Kolbe, die als integraler Bestandteil der Architektur eine wichtige Rolle spielt. Ihre Bedeutung für das Raumgefüge – den berühmten »fließenden Raum« – wurde meist übersehen. Indessen zeigten sich die beiden Künstler angetan vom Zusammenspiel von Architektur und Plastik. Kolbe befand: »Resultat: beste Ergänzung«; Mies van der Rohe förderte die Verbreitung von Fotografien, die den Pavillon mit der Figur zeigen.
»Morgen«
Die Statue war jedoch nicht für den Barcelona-Pavillon geschaffen worden,
in den er sich so hervorragend einfügte. Zusammen mit der Frauenfigur
»Abend« hatte Kolbe sie für die Wohnanlage »Ceciliengärten«
in Berlin-Schöneberg von Heinrich Lassen geschaffen, wo sich beide
Statuen auf der zentralen Grünfläche gegenüberstanden. Das
getönte Gipsmodell des »Morgen« stand 1927 im Münchner
Glaspalast im Mittelpunkt eines Kolbe-Raumes, den der Architekt Wilhelm
Kreis gestaltet hatte. Diese Gipsfigur wurde dann auch 1929 in Barcelona
präsentiert. Nach Ausstellungsende und Abbau des Pavillons wurde sie
vermutlich zerstört. In der Rekonstruktion des Pavillons von 1986 steht
ein Bronzenachguss.
In Berlin wurden die beiden Bronzen »Morgen« und »Abend«
bald nach Kriegsende getrennt und an verschiedene Stellen in Schöneberg
versetzt, um dann beim Rathaus Schöneberg erneut zusammen aufgestellt
zu werden. Seit 1996 nehmen sie wieder ihren gewohnten Platz in den restaurierten
»Ceciliengärten« ein.
Mies van der Rohe und die Bildhauerei
Die Aufstellung einer Skulptur im Barcelona-Pavillon ist als herausragendes
Beispiel gleichwohl kein Sonderfall im Werk Mies van der Rohes. Entgegen
heutigen Vorstellungen von Modernität platzierte er in seinen Bauten
nicht abstrakte Formgebilde, sondern figürliche Bildwerke. Mies van
der Rohe, der im väterlichen Steinmetzbetrieb mitgearbeitet hatte,
pflegte eine enge Freundschaft mit Wilhelm Lehmbruck, war mit Georg Kolbe
gut bekannt und verehrte die Werke von Aristide Maillol. Schon 1912 sah
er für sein schließlich nicht realisiertes Projekt Haus Kröller-Müller
Skulpturen von Lehmbruck vor, den er in diesem Zusammenhang kennengelernt
hatte. 1927 stellte er den »Torso Mädchen sich umwendend«
von Lehmbruck in den »Glasraum« in Stuttgart. Einen anderen
Guss dieses Torso integrierte er wenig später in das Haus Tugendhat
in Brünn, das parallel zum Barcelona-Pavillon entstand.
Für den Hofraum seines Musterhauses auf der Deutschen Bauausstellung
Berlin 1931 griff Mies van der Rohe wieder auf eine bewegte Figur Kolbes
zurück: die »Große Laufende« von 1928. In vielen
seiner Zeichnungen tauchen Kürzel für Skulpturen auf, während
er in den späteren collagierten Entwürfen für Museumsprojekte
Fotos von Maillol- und Lehmbruck-Plastiken verwendete.
Kolbe und die Architektur
Georg Kolbe hat sich eingehend mit der Problematik von architekturbezogener
Skulptur befasst. In seiner Frühzeit arbeitete er zunächst –
eher widerwillig – auch in dem Aufgabenfeld der Bauplastik. Die traditionelle
Verwendung bildhauerischer Elemente an Bauten lehnte er später als
»Degradierung der Plastik« ab.
In der Zusammenarbeit mit bedeutenden Architekten konnte er neue Wege gehen.
Kolbe konzipierte Plastiken für Bauten von Bruno Taut, Walter Gropius,
Hans Poelzig oder Erich Mendelsohn. Er entwickelte einerseits neue Formen
des Reliefs, andererseits setzte er Statuen als eigenständige Werke
in den Dialog mit dem architektonischen Raum. Schon für die Zeitgenossen
war die Figur »Morgen« im Barcelona-Pavillon das Musterbeispiel
für eine neue »Bauplastik« im Rahmen moderner Architektur.
Fotografie
Sowohl Kolbe als auch Mies van der Rohe setzten Fotografien für die
mediale Verbreitung ihres Werkes ein. Kolbe beschäftigte eine eigene
Fotografin zur Dokumentation seines Werkes, von Mies van der Rohes programmatischen
Entwürfen der frühen 1920er Jahre waren lange nur Fotos der Modelle
vorhanden. Und auch der Barcelona-Pavillon existierte nach dem Ende der
Ausstellung nur in Form von Fotografien, was einer »Legendenbildung
kräftig Vorschub« leistete (Tegethoff). Erst als er 1986 rekonstruiert
wurde, bekamen die kanonisch gewordenen Perspektiven der historischen s/w-Fotos
durch neue Farbaufnahmen Konkurrenz, die die »fotogenen« Qualitäten
des Pavillons unter Beweis stellen. Nach wie vor führt die Architektur
eine mediale Existenz, die der Vorstellung von einer makellosen modernen
Architektur am ehesten zu entsprechen scheint. Nicht zufällig zeigten
hingegen in den 80er und 90er Jahren Künstler im Zuge ihrer »Revision
der Moderne« den Pavillon in Situationen, in denen seine Ordnung in
Unordnung geraten war. Die Rekonstruktion des Pavillons als Simulation des
historischen Baues konnte lediglich als Bestätigung der bereits bekannten
Fotos dieser »Sehenswürdigkeit« gesehen werden. Eine visuelle
Wiederaneignung der Architektur schien erst mit Bezug auf ihre mediale Geschichte
möglich.
