Forschung

Dissertationen


Der Ursprung der Skulptur. Konstruktionen von Fremdheit in der primitivistischen Plastik

 

Das Dissertationsvorhaben von Christiane Wanken verfolgt das Ziel, die verschiedenen Anschauungen von Fremdheit im Primitivismus aufzudecken und zu kategorisieren. Dabei sollen die divergierenden Ansprüche verdeutlicht und die Konstruktionen des Fremden beleuchtet werden. Die Positionen und Ideologien, die an die verschiedenen Konzepte gebunden sind, sollen dazu aufgezeigt und befragt werden. Es soll verdeutlicht werden, dass die Beschäftigung mit primitiver Kunst bestimmte Intentionen der Darstellung von Alterität mit sich bringt. Die bedeutet auch, dass Stereotype weiter getragen werden, ohne dass sie kritisch betrachtet worden wären. Da es in der Kunstgeschichte bisher keinen Diskurs über den Anteil der Kunst an der Herausbildung ethnischer Identitätsvorstellungen, rassenideologischer Ideen und evolutionärer Weltbilder gab, begreift sich diese Arbeit als Anstoß zu einem solchen Diskurs.

Die Skulptur wurde aus drei Gründen als Forschungsgegenstand ausgewählt. Erstens weil eine intensive und kritische Beschäftigung mit dem Phänomen des Primitivismus in der Skulptur bisher gänzlich fehlt. Die Publikationen zu diesem Thema beschäftigen sich meist mit der Malerei und schneiden die Skulptur nur ergänzend an. Die Rassen-Portraits des Bildhauers Charles Cordier beispielsweise täuschen eine „authentische“ Physiognomie vor, die jedoch aus einer Wissenskultur des 15. Jahrhunderts stammt und bis heute meist unhinterfragt übernommen wird. Die Skulptur des 19. Jahrhunderts hatte sicherlich einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Bildung von ethnischen und rassischen Identitätsvorstellungen, die bis heute nachwirken. Dieser ist bis heute jedoch kaum beleuchtet.

Zweitens erscheint gerade die Skulptur als ein zentrales Untersuchungsfeld für eben dieses Thema, da die von den europäischen Künstlern rezipierte Kunst meist plastische Artefakte waren und die Analogie von „ursprünglicher Skulptur“ und der Suche nach den Ursprüngen in der Skulptur als Untersuchungsfeld nahe liegt. Drittens ist eine Auseinandersetzung mit der Skulptur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts insgesamt relevant, da die Forschung sich der (figürlichen) Plastik dieser Zeit bisher kaum zugewandt hat. Wichtig ist hier eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen Gesamtbild, das sowohl die künstlerischen Hauptströmungen wie auch markante Ausnahmen in ihrer Darstellung mit einbezieht.

Ausgehend von diesen Forschungsergebnissen widmet das Georg-Kolbe-Museum im Januar 2010 diesen Diskursen und Fragenstellungen eine Ausstellung, die von Christiane Wanken kuratiert wird.