Ausstellung

 

Die Kunstkammer im Georg-Kolbe-Museum

Im Untergeschoss des Museumsneubaus befindet sich ein ungewöhnlich proportionierter Raum mit einer Grundfläche von etwa acht Quadratmetern und einer lichten Höhe von über vier Metern. Er wird von einer Plexiglashaube abgeschlossen, die der Lüftung im Brandfall dient. Von den Architekten des Gebäudes wurde er wegen seiner Höhe und der kuppelartigen Decke „Moschee“ getauft. Ursprünglich war er als Abstellraum konzipiert, gesichert mit einer verschließbaren Stahltür. Seit der Eröffnung des Neubaus stellte dieser Raum eine stete Herausforderung für die Ausstellungsgestaltung im Untergeschoss dar. Ohne direkten Bezug zu dem Hauptsaal blieb er in den meisten Fällen ein kommentarbedürftiger Appendix. Die starke Autonomie dieses kleinen Raumes ermöglicht eine separate Bespielung. Hier wurde im Januar 2009 ein neues Ausstellungssegment unter dem Titel „Die Kunstkammer im Georg-Kolbe-Museum“ eröffnet.

„Die Kunstkammer im Georg-Kolbe-Museum“ ist ein Projektraum für zeitgenössische Künstler. Parallel zu den laufenden Ausstellungen im Rest des Hauses werden dort aktuelle bildhauerische Positionen gezeigt, um den Skulpturbegriff in seine Vielfalt und Aktualität zu behandeln. Tradition und Gegenwart befinden dadurch sich im Georg-Kolbe-Museum in unmittelbarer Nachbarschaft. Auf dem Dialog und der Verschränkung beider Bereiche spiegelt die Neuausrichtung des aktuellen Ausstellungsprogramms des Georg-Kolbe-Museums.

 

Kunstkammer im Georg-Kolbe-Museum No. 5 - Markus Schaller


22. November 2009 – 14. Februar 2010

Samstag, 5. Dezember 2009
Kinderworkshop mit Markus Schaller, 14-17 Uhr
Anmeldung und weitere Informationen:
kunstvermittlung@georg-kolbe-museum.de

Im Anschluss um 17:30 Uhr Künstlergespräch zwischen Markus Schaller und Dr. Marc Wellmann, Ausstellungsleiter des Georg-Kolbe-Museums


Unter Ausschaltung des Bewusstseins entstehen bei der surrealistischen Technik der écriture automatique Assoziationsketten, in denen es nicht um die Bedeutung des Textes geht, sondern um die Bloßlegung seiner poetische Substanz in präkognitiven Bereichen. Diese Sphäre ephemerer Geistigkeit scheint weit entfernt von der handwerklichen Verhaftung der Skulptur und ihrer oft mühsamen Überwindung des Materiellen. Der Eisen-Bildhauer Markus Schaller hat beide Welten in einem Werk zusammen geführt, das nun in Teilen in der Kunstkammer des Georg-Kolbe-Museums ausgestellt wird. Auf die 50 x 100 cm großen Eisenplatten stanzte Schaller mittels eines Prägealphabets aus Werkzeugstahl etwa 10 cm hohe Satzketten, die sich gänzlich ohne schriftliche Vorbereitung entwickelten. Pro Buchstabe benötigte der Künstler bis zu fünf Minuten, bis dieser von einer großen Prägemaschine in den erwärmten Stahl gedrückt wird. Die künstlerische Herausforderung besteht darin, die Schnelligkeit und Leichtigkeit des Denkens auf diesen extrem verlangsamten Prozess des Schreibens herunterzubrechen. Die Fragilität des Textes und seine orthografische Freiheiten, die nicht korrigierbar sind, versetzen den Betrachter/Leser in den Moment seiner Entstehung zurück. Sowohl der Geist als auch der Körper des Bildhauers werde im Werk gegenwärtig gehalten. Schon in früheren Werken hat Markus Schaller mit Buchstaben oder einzelnen Worten auf der Oberfläche des Materials gearbeitet, die er als eine Art Injektion des Geistigen in das rohe, stumme Material versteht. Nun hat er dieses Verfahren konsequent zugespitzt und das freie Spiel seines Denkens mit der Härte und Bestimmtheit des Eisens verschmolzen. Die lakonische Unsinnigkeit der Texte steht dabei im wirkungsvollen Widerspruch zur ehernen Form der begehbaren Platten, die an in Stein gemeißelte Gesetzestexte erinnern.
Schaller, der ursprünglich als Schriftsteller arbeitete und erst über Umwege zur Skulptur gekommen ist, war 1994 Meisterschüler von Rebecca Horn. Schon während des Studiums konzentrierte er sich auf die archaische Technik des Schmiedens, die er in trotziger Opposition zum lärmenden Kunstbetrieb mit unbeirrter Konsequenz bis heute verfolgt und damit die große Tradition von Julio Gonzales über David Smith bis Eduardo Chillida weiterführt. Schmieden ist ein langsames und Kräfte zehrendes Handwerk. Die Werkstatt von Hephaistos bzw. Vulkan ist seit Urzeiten mit der Assoziation rauchender Glut und schwitzender, muskulöser Körper verbunden. Gerade die entsetzliche Zähigkeit des Materials, sein Gewicht und die Widerstände seiner Bearbeitung interessieren Schaller. Er will es sich nicht leicht machen. Der Weg ist ein Teil des Ziels.
Die Kunstkammer wird mit diesen zum Teil begehbaren Platten im Sinne einer „Eisernen Bibliothek“ ausgelegt und mit einer Sound-Installation ergänzt.
(Marc Wellmann, 2009)

Anlässlich der Ausstellung in der Kunstkammer des Georg-Kolbe-Museum ist ein handgeschmiedetes Multiple des Künstlers erhältlich:

Haus, 2008-09
Stahl, geschmiedet, 
9,5 x 6 x 6 cm
Auflage 250 (Nr. 1- 30 nicht mehr erhältlich)
Verkaufspreis € 500,-

 

 

PRESSESTIMMEN
Tagesspiegel
"Kurz & Kritisch: Für die fünfte Ausgabe der Ausstellungsreihe fährt der Rebecca-Horn-Schüler Markus Schaller einerseits "schweres Geschütz" auf: gestapelte Stahlplatten, die in Fußmattenüberformat den Boden der Kammer bedecken... " (Jens Hinrichsen)
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Tagesspiegel
"Im Flugzeug lernte der Kurator des Georg- Kolbe-Museums den Künstler Markus Schaller kennen. Jetzt kooperieren die beiden: Schaller stellt bei Wellmann aus. " (Annabelle Seubert)
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