Leitlinien der Sammlung
Vorwort zum Katalog "Figürliche Bildhauerei im Georg-Kolbe-Museum
Berlin"
von Dr. Ursel Berger
Der vorliegende Katalog stellt sechzig Plastiken aus der Sammlung des Georg-Kolbe Museums vor und zeigt ihren jeweiligen Stellenwert in der Entwicklung der Bildhauerei auf. Gleichzeitig wird damit versucht, die Geschichte der figürlichen Bildhauerei in Deutschland vom ausgehenden 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zu skizzieren. In Überblicksdarstellungen, die die Plastik dieses Zeitraums behandeln, hatte man sich in der Regel nicht auf Beispiele einer Sammlung konzentriert, sondern wählte Werke von verschiedensten Kollektionen und Standorten. Wenn dagegen Museen ihre Bestände an figürlicher Plastik vorstellen, wird meist Werk für Werk in einzelnen Katalogartikeln besprochen. Hier dagegen soll versucht werden, die beiden Publikationsformen - Epochendarstellung und Sammlungskatalog - zu verbinden.
Somit darf es aber nicht verwundern, daß wichtige Namen und Schlüsselwerke fehlen. Die Gründe hierfür liegen vor allem in den Beschränkungen des Museums bei der Erwerbungstätigkeit. Am schmerzlichsten ist, daß die Sammlung noch kein Werk von Wilhelm Lehmbruck enthält. Von Ernst Barlach besitzt sie nur einen kleinen Bildniskopf. Es war außerdem nicht möglich, Skulpturen von expressionistischen Malern zu erwerben. Ein - gerade auch qualitativ - vollgültiges Bild der Entwicklung der deutschen Skulptur in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts kann das Georg-Kolbe-Museum nicht bieten. Es ist jedoch so, daß die Werke mancher Kleinmeister zeittypischer sind als die der großen Einzelgänger. Und es war gerade die Absicht, in der Sammlung und in dieser Publikation nicht nur die wenigen bekannten Bildhauer vorzustellen, die in den großen Museen vertreten sind, sondern auch fast vergessene Künstler, die in ihrer Zeit angesehen waren, wieder in Erinnerung zu rufen Die hier vorgestellten 60 Bildwerke stammen von 32 verschiedenen Bildhauern, darunter fünf Bildhauerinnen.
Alle diese Plastiken sind in den Jahren seit 1980 erworben worden, beziehungsweise als Geschenke oder Leihgaben in das Georg-Kolbe-Museum gelangt. Dieses Museum, das 1950 im ehemaligen Atelierhaus von Georg Kolbe eröffnet worden ist, war in den ersten Jahrzehnten ganz auf das Werk seines Stifters konzentriert. Kolbe besaß zwar Gemälde von Malerfreunden und auch einige Bildhauerzeichnungen, doch Skulpturen zeitgenössischer Plastiker gab es kaum. Ende der siebziger Jahre hatte sich in der Georg-Kolbe-Stiftung und beim Berliner Senat, der das Museum seit 1978 subventioniert, die Überzeugung durchgesetzt, daß sich das Sammlungskonzept ändern solle. Man wollte nicht länger mehr ein Ein-Mann-Museum, sein, sondern ein Haus, das sich auch den Werken von anderen Künstlern öffnet. Leider führte die Ausweitung des Sammelgebietes nicht dazu, daß das Georg Kolbe-Museum mit einem entsprechenden Erwerbungsetat ausgestattet wurde. Reguläre Ankäufe waren somit nur in glücklichen Ausnahmefällen möglich.
1980 konnten aus Mitteln des Museumsfonds sechs Plastiken von sechs verschiedenen Berliner Bildhauern erworben und dem Museum als Dauerleihgaben des Landes Berlin anvertraut werden. Mit diesem ersten entscheidenden Ankauf war die Richtung für die Erweiterung der Sammlung abgesteckt. Vor allem Mittel aus dem Museumsfonds garantierten auch in den folgenden Jahren eine stetige, schrittweise Erweiterung der Sammlung. Mit Hilfe der Deutschen Klassenlotterie wurden dagegen Plastiken von Georg Kolbe angekauft, aber schließlich auch - als umfangreichste Erwerbung überhaupt - der Nachlaß seines engsten Bildhauerfreundes, Richard Scheibe. Als Leihgaben des Senates kamen nicht nur speziell für das Museum erworbene Plastiken ins Haus, sondern auch einige Werke aus älteren Beständen; darunter ein Teilnachlaß von August Kraus und eine Gruppe von sechs Bildwerken Adolf von Hildebrands
Neben öffentlichen stehen private Leihgaben, die bedeutendste ist der Nachlaß von Hermann Blumenthal. Die letzten Zugänge sind Dauerleihgaben der LETTER Stiftung, Köln, die somit nicht nur diesen Katalog herausgibt und finanziert, sondern auch zur Abrundung der Sammlung beiträgt. Den Institutionen und Privatleuten, die die Erweiterung des Museumsbestandes unterstützten, sei herzlich gedankt - in erster Linie jenen Freunden des Museums, die ihm Kunstwerke geschenkt haben. Ihnen ist dieser Katalog gewidmet: Hildegard von Fritz, Fam. Gdanietz, Gerhard Paulsen, Hildegard Sperber, Wolf Stubbe, Susanne Wenzl-Möller, Gisela Wessel, Nachlaß Barbara Gräfin Woronzoff und der Siemens AG.
Nur dank solch vielfältiger Unterstützung war es möglich, daß ein Museum ohne Ankaufsetat seine Bestände mehr als verdoppeln und eine Sammlung aufbauen konnte, mit der der Entwicklungsgang der deutschen Bildhauerei über sechs Jahrzehnte nachgezeichnet werden kann. Es sei darauf hingewiesen, daß es sich hier um einen Auswahlkatalog handelt, die Bestände aus dem behandelten Zeitraum sind umfangreicher, darüberhinaus wurden auch Werke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erworben oder gestiftet, die erst - nach Abrundung der Sammlung - vorgestellt werden sollen.
Bewußt spiegelt sich bei den Erwerbungen die Ausstellungstätigkeit des Georg-Kolbe-Museums im gleichen Zeitraum wider. Im Zusammenhang mit der Präsentation "Von Begas bis Barlach" konnten mehrere Werke aus der Zeit der Jahrhundertwende erworben werden. Porträts sind - infolge der Ausstellung "Berliner Köpfe" - gut vertreten. Zahlreich waren vor allem Einzelausstellungen, von ihnen blieben als Erwerbungen oder Dauerleihgaben Plastiken von Gerhard Marcks, Renée Sintenis, Clara Rilke-Westhoff, Hermann Haller, Ernesto de Fiori, Hermann Blumenthal und Gustav Seitz im Museum. Die entsprechenden Kataloge und sonstigen Publikationen des Hauses, auch der Bestandskatalog der Kolbe-Plastiken, zeigen Facetten der Entwicklung der Bildhauerei auf, die hier nun zusammengefaßt vorgestellt werden.
Einen Schwerpunkt bei den Erwerbungen bildete das Werk Georg Kolbes, in dessen Nachlaß das mittlere und späte Schaffen überwog. Im Nachlaß Richard Scheibes waren nur wenige Skulpturen enthalten, auch hier fehlten vor allem Frühwerke, gezielt wurden Plastiken der zwanziger Jahre erworben. Wenn Georg Kolbe hier vor allem mit Beispielen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und Scheibe mit Kleinplastiken der zwanziger Jahre vertreten ist, so gibt dies zwar keinen angemessenen Querschnitt ihres Schaffens, verweist aber auf besonders kreative und bisher wenig beachtete Werkabschnitte.
Anfangs konzentrierte sich die Erwerbungs-, wie auch die Ausstellungstätigkeit des Museums auf die Berliner Plastik, weitete sich aber allmählich auf den deutschsprachigen Raum aus, allerdings ist der Schwerpunkt Berlin nach wie vor sehr deutlich. Dies ist jedoch insofern berechtigt, als Berlin, wie schon im 19. Jahrhundert, auch in unserem Säkulum für die Bildhauerei das wichtigste Zentrum in Deutschland war. Nicht wenige Künstler, die sich nicht in Berlin niederließen, haben dennoch für längere oder kürzere Zeit in der Metropole gelebt und gearbeitet, darunter auch einige Schweizer Plastiker.
Daß im folgenden nur die figürliche Bildhauerei behandelt wird, stellt für den angesprochenen Zeitraum keine wesentliche Einschränkung dar. Abstrakte Plastik spielte vor der Jahrhundertmitte nur eine kurzfristige Nebenrolle, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Die beiden Bildhauer, die sich als erste in Deutschland auf dieses Gebiet vorwagten, Rudolf Belling und Oswald Herzog, sind in der Sammlung mit stilisierten Figuren vertreten, die quasi die letzte Stufe vor dem Schritt in die Abstraktion markieren.
Erst in letzter Zeit ist die figürliche Bildhauerei des 19. und danach auch des 20. Jahrhunderts von der Forschung wiederentdeckt worden, was sich zum Beispiel an zahlreichen Dissertationen zeigt. In den Jahrzehnten zuvor hatte sich das Bild, das man sich von der Entwicklung machte, extrem verengt, viele Künstler gerieten in Vergessenheit. Strömungen, die in ihrer Zeit Neuerungen - wenn auch keine revolutionären - gewesen waren, wurden im nachhinein als unzeitgemäße Umwege abgetan und übergangen. Einerseits wurde die Entwicklung der Malerei, andererseits die Abstraktion zur Norm erklärt und damit die Möglichkeit verwehrt, den eigengesetzlichen Werdegang der Bildhauerei wahrzunehmen und darzustellen.
Noch deutlicher ist diese Verengung im Kunsthandel, wo Werke einiger weniger Bildhauer, nicht selten posthume Güsse aus stattlichen Auflagen, dominieren. Auch deshalb waren die Erwerbungsmöglichkeiten eines auf Bildhauerei spezialisierten Museums beschränkt. Im übrigen kam es darauf an, für das Georg-Kolbe-Museum die wenigen auf dem Markt, bzw. in Privatsammlungen auftauchenden Werke, die in ihrer Formgebung oder ihrer materiellen Ausformung herausfallen, aufzustöbern und zu sichern. Dabei konnte es durchaus so sein, daß eine vom Künstler bemalte Gipsplastik auf dem Kunstmarkt preiswerter zu erhalten war als ein posthumer Auflagenguß in Bronze. Von einer solchen Einstellung konnte ein finanziell knapp ausgestattetes Museum natürlich profitieren.
Insgesamt war es das Ziel, bei Bronzen Güsse aus der Entstehungszeit zu erwerben, auch gelang es nicht selten, Unikate in die Sammlung zu integrieren. Von einem auf dem Markt breit vertretenen Künstler wie Gerhard Marcks zum Beispiel, erwarb das Museum drei Bronzen, zwei davon sind Unikate, die dritte ist nur in vier Güssen bekannt. Es wurde versucht, neben den dominierenden Bronzen, auch Plastiken in anderen Materialien zu erwerben: Terrakotten, Steinskulpturen, Gips und Stuccogüsse, die zum Teil farbig gefaßt sind. Der Bronzeguß und Bildhauermaterialien waren im übrigen auch Themen von Sonderausstellungen des Georg-Kolbe-Museums gewesen
Erfreulich ist, daß das Museum recht häufig Plastiken mit interessanten Provenienzen erwerben konnte, was den historischen Stellenwert und die Bedeutung der jeweiligen Werke unterstreicht. An erster Stelle ist hier die Sammlung von Tilla Durieux zu nennen, die als Gattin des in seiner Zeit wichtigsten Kunsthändlers Paul Cassirer direkten Kontakt zu bedeutenden Künstlern hatte. Aus ihrem Nachlaß konnten vier Bronzen erworben werden, als Ergänzung kam später ein Barlach-Porträt der Schauspielerin hinzu.
Die Neuerwerbungen des Georg-Kolbe-Museums wurden zum Teil seit Jahren in der ständigen Präsentation - zusammen mit älteren Kolbe-Beständen - gezeigt. Eine Auswahl war 1993 im Charlottenburger Heimatmuseum unter dem Titel "Körperkunst" zu sehen. Im Sommer 1995 zeigt das Museum nun zur Wiedereröffnung nach der Renovierung des Kolbeschen Atelierhauses eine breitere Auswahl, die in dieser Publikation vorgestellt ist.
Dr. Ursel Berger
